Danielle | Deutschland
Meine Realität hatte sich nicht verändert. Aber mein Blick schon.
Ich dachte lange, der größte Kampf würde sich in meinem Körper abspielen. Doch Gott zeigte mir, dass er an einem ganz anderen Ort begann — in meinem Blick.
Es gibt Zeiten im Leben,
in denen man das Gefühl hat,
dass plötzlich alles ins Wanken gerät.
Die vergangenen Jahren waren für mich eine solche Zeit.
Seit der Diagnose ME/CFS reihten sich die Komplikationen
eine nach der anderen aneinander.
Jeder neue Arzttermin brachte
eine weitere Veränderung mit sich.
Nach und nach hatte ich das Gefühl,
mit jedem Tag
ein Stück mehr von meiner Freiheit zu verlieren.
Zunächst konnte ich mich in meiner Wohnung
noch mit einem Rollator fortbewegen.
Dann kam der Rollstuhl.
Und schließlich der elektrische Rollstuhl.
Nach und nach…
wurde meine Welt immer kleiner.
Und ohne es wirklich zu merken,
richtete sich mein Blick immer mehr auf das,
was ich verlor.
Ein Stück Kraft.
Ein Stück Selbstständigkeit.
Ein Stück von dem Leben,
das ich einmal gekannt hatte.
Das Schwierigste war nicht nur die Krankheit.
Das Schwierigste war der Kampf,
der sich in meinen Gedanken abspielte.
Wie sollte ich weiter hoffen,
wenn meine Augen scheinbar genau das Gegenteil sahen?
Wie konnte ich verhindern,
dass die Krankheit die einzige Realität wurde,
die meinen Blick und meine Gedanken bestimmte?
Mit jeder neuen Einschränkung
richtete sich mein Blick noch stärker auf das,
was ich nicht mehr konnte.
Jedes neue Symptom schien mich daran zu erinnern,
was mir diese Krankheit bereits genommen hatte.
Ohne dass ich es bemerkte,
sah ich fast nichts anderes mehr.
Dann stand erneut ein Arzttermin an.
Wieder eine Veränderung.
Dieses Mal…
ein Katheter.
An diesem Tag hatte mich Maggie
(Name aus Datenschutzgründen geändert),
die junge Frau, die mich im Alltag unterstützt,
zum Arzt begleitet und anschließend wieder nach Hause gebracht.
Als sich die Wohnungstür hinter ihr schloss…
kehrte plötzlich Stille ein.
Und mit dieser Stille…
brach alles hervor,
was ich bis dahin mühsam zurückgehalten hatte.
Ich legte mich auf mein Bett.
Und ich weinte.
Lange.
Sehr lange.
Der Schmerz saß tief.
Der Anblick des Katheters machte mir schmerzhaft bewusst,
dass die Krankheit weiter voranschritt.
Es fühlte sich an,
als hätte sie mir wieder etwas genommen.
Ein Stück Freiheit.
Ein Stück Selbstständigkeit.
Ein Stück von mir selbst.
Immer mehr Gedanken begannen,
meinen Verstand zu überfluten.
Einer nach dem anderen.
Immer dunkler.
Doch eines wusste ich.
Ich wollte diesen Gedanken keinen Raum geben.
Mitten in meiner Verzweiflung
schrie ich zu Gott.
Ich erzählte Ihm von meinem Schmerz.
Von diesem Gefühl,
dass mein Körper mich mit jedem Tag ein Stück mehr im Stich ließ.
Und schließlich blieb mir nur noch eine einzige Bitte:
„Herr…
komm mir zu Hilfe.
Sprich zu mir.
Gib mir ein Wort.
Einen einzigen Satz.
Irgendetwas…
aber bitte…
sprich zu mir.“
Mitten in meinen Tränen…
hörte ich plötzlich
diese vertraute Stimme.
Sanft.
Leise.
Und doch so eindeutig.
„Hiob.“
…
Ich hielt den Atem an.
„Hiob.“
…
Ein drittes Mal.
„Hiob.“
Ich richtete mich langsam auf.
Nahm meine Bibel.
Und fragte:
„Herr…
was möchtest Du, dass ich im Buch Hiob lese?“
Seine Antwort kam ohne Zögern.
„Meine Antwort an Hiob.“
Ich hatte das Buch Hiob bereits mehrmals gelesen.
Ich kannte seine Geschichte.
Ich kannte sein Leid.
Ich wusste,
was er alles verloren hatte.
Und doch fragte ich mich innerlich:
Warum soll ich es noch einmal lesen?
Was wird das an meiner Situation ändern?
Trotzdem…
gehorchte ich.
Ich schlug Hiob 38 auf.
Und begann zu lesen.
Während mir weiterhin die Tränen über das Gesicht liefen,
las ich…
und gleichzeitig
kämpfte ich in meinem Inneren.
Ich verstand nicht,
warum Gott mir ausgerechnet diesen Abschnitt zeigte.
Fast hätte ich Ihm vorgeworfen,
dass Er nur von sich selbst sprach.
„Wo warst du, als ich die Erde gründete?
Sage es, wenn du Einsicht besitzt.
Wer hat ihre Maße festgesetzt? Weißt du es?“
— Hiob 38,4–5 (LUT)
Ich las weiter.
Nicht,
weil ich alles verstand.
Sondern weil ich wusste,
dass dies die Antwort war,
die Gott auf meinen Hilferuf gegeben hatte.
Also las ich weiter.
„Hat der Regen einen Vater?
Oder wer hat die Tropfen des Taus gezeugt?“
— Hiob 38,28 (LUT)
Und ich las weiter.
Dann…
begann etwas zu geschehen.
In diesem Moment
bemerkte ich es noch gar nicht.
Je weiter ich las…
desto mehr löste sich mein Blick
von meiner Krankheit.
Ohne dass ich es bewusst wahrnahm,
hörte ich auf,
meine Verzweiflung anzustarren.
Stattdessen begann ich,
Gott zu betrachten.
Seine Größe.
Seine Macht.
Seine Unermesslichkeit.
Seine Souveränität.
Plötzlich stand ich voller Staunen
vor dem Gott,
der Hiob antwortete.
Es war, als würde Gott mich
mit jedem einzelnen Vers
sanft von mir selbst lösen…
um mich mit sich selbst zu erfüllen.
Je weiter ich las,
desto mehr lenkte Er meinen Blick weg von dem,
was meine Augen sahen:
die Krankheit…
die Einschränkungen…
die Behinderungen…
und richtete ihn
ganz auf sich.
Je weiter ich las,
desto mehr veränderte sich mein Blick.
Meine Umstände
waren dieselben geblieben.
Doch mein Blick…
war nicht mehr derselbe.
Ohne dass ich es bemerkte,
war ich am Ende
von Gottes Antwort an Hiob angekommen.
Und plötzlich wurden Hiobs Worte
zu meinen eigenen.
„Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen;
aber nun hat mein Auge dich gesehen.“
— Hiob 42,5 (LUT)
Die Tränen liefen weiter.
Doch sie hatten ihre Bedeutung verändert.
Noch wenige Augenblicke zuvor
waren es Tränen der Verzweiflung gewesen.
Jetzt…
waren es Tränen des Staunens.
Der Katheter war noch immer da.
Die Krankheit ebenfalls.
Und doch…
hatte das,
was mich wenige Minuten zuvor fast erdrückt hatte,
sein Gewicht verloren.
Mein Herz war nun erfüllt
von Dem,
der unendlich größer ist als alles,
was ich gerade durchlebte.
Und so…
schlief ich in jener Nacht ein.
An diesem Abend
hat Gott mir etwas gezeigt,
das ich nie wieder vergessen werde.
Glaube bedeutet nicht, das zu leugnen,
was unsere Augen sehen
— unsere Realität.
Glaube bedeutet, sich bewusst dafür zu entscheiden,
zu glauben, dass das,
was unsere Augen sehen, nicht die letzte Wahrheit ist.
Die Wahrheit ist Gott.
Die Wahrheit ist das, was Gott sagt.
Die Wahrheit ist das,
was Er uns mitten in unseren Umständen
über sich selbst offenbart.
Jeden Tag
muss ich neu entscheiden,
worauf ich meinen Blick richte.
Auf meine Umstände…
oder auf Gott.
In Seiner Güte
hat der Herr an jenem Abend
meine Realität nicht verändert.
Aber Er hat meinen Blick verändert.
Denn wenn unser Blick auf Den gerichtet ist,
der über allen Dingen steht…
dann beginnt unser Herz
selbst dann zur Ruhe zu kommen,
wenn sich unsere Umstände
noch nicht verändert haben.
Und genau das hat Gott an jenem Abend
für mich getan.
Ihm allein gebührt alle Ehre.
„Und lasset uns aufsehen auf Jesus,
den Anfänger und Vollender des Glaubens…“
— Hebräer 12,2 (LUT)
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